Freiburger Institut für Persönlichkeits­didaktik

Porträt Prof. Dr. Norbert Groddeck

Schon merkwürdig, wie Selbst- und Fremdbild mitunter auseinanderklaffen. Während man selbst das eigene Leben in Kurven und Brüchen wahrnimmt, erscheint es Außenstehenden, die das Ganze quasi von hinten betrachten, als gradlinig und folgerichtig. So ähnlich ist das bei Norbert Groddeck.

1946 in Neu-Isenburg geboren hat er es zum Professor in Erziehungswissenschaften an der Universität Siegen gebracht. Er arbeitet am Übergangsbereich von Pädagogik und Psychotherapie und gilt als Begründer der personenzentrierten Kunst– und Spieltherapie. Beide Ansätze wurden an seinem Institut entwickelt und etabliert. Heute werden sie in zahllosen Einrichtungen angewendet.

Diese Konzepte, die er mit seiner Frau Ariana von Gottberg-Groddeck erschaffen hat, zählt er persönlich zu den Leistungen, auf die er richtig stolz ist. Als Sohn einer geschiedenen Mutter vaterlos aufgewachsen, hegte er schon als kleines Kind immer das starke Bedürfnis, in Gruppen dabei zu sein, mit anderen etwas teilen zu können. Das ist bis heute so geblieben, ebenso wie eine gewisse Skepsis gegenüber selbsternannten Autoritäten und eine starke Abneigung gegen Menschen, die sich lautstark im Ton vergreifen.

Eine glückliche Fügung des Bildungsaufbruchs in Westdeutschland ermöglichte ihm eine Lehrerausbildung für Kunst und Sport mit der fachgebundenen Hochschulreife. Allenthalben Aufbruchstimmung dann am frisch gegründeten pädagogischen Fachinstitut in Jugenheim an der Bergstraße. Die Zeiten der Bildungsoffensive wirkten ansteckend. Schon damals träumte Norbert Groddeck von einem richtigen Studium. Der Hunger nach Wissen hatte ihn, den ehemals schlechten Schüler, erfasst, er wollte verstehen.

Zum Wintersemester 1968 begann er an der Frankfurter Universität Deutsch und Sozialkunde, später Pädagogik als Hauptfach zu studieren, daneben unterrichtete er Sport an Frankfurter Schulen, immer da, wo es gerade brannte.

Die „heiße Phase“ der 68er begann und damit die Auflösung vieler Grenzen. An der Hochschule wurde mit verschiedensten Arten der Bildung und Gruppendynamik experimentiert. Damals war es, als ihm Carl Rogers beziehungsweise dessen Ansatz „über den Weg lief“ – die Verbindung von Beratung und Therapie und all das auf die jeweilige Person konzentriert.

Norbert Groddeck konnte sein Glück kaum fassen, endlich etwas gefunden zu haben, was zu ihm passte wie der berühmte Deckel auf den Topf und ihm die Entfaltung seiner Fähigkeiten ermöglichte. Diplom in Pädagogik und Doktor in Erziehungswissenschaften folgten mit Auszeichnung.

Die Beraterausbildung in Siegen markierte die nächste Stufe auf dem Weg zur Entfaltung seiner Persönlichkeit. Immer wieder haben sich so in Norbert Groddecks Leben Kreise geschlossen. Die jedoch stets von ihm aufgebogen und in eine Art Spirale verwandelt wurden.

1979 habilitierte er sich in Siegen zum Thema „Strukturprobleme schulischer Erziehung“, anschließend lehrte und forschte er als Privatdozent, bevor er dann 1995 außerplanmäßiger Professor für Erziehungswissenschaften wurde. Hierbei initiierte er im Studiengang Diplom-Pädagogik einen Schwerpunkt in personenzentrierter Beratung und startete den Modellstudiengang „Außerschulisches Erziehungs- und Bildungswesen“. So ganz nebenbei schlossen sich dabei mit Bezug auf Carl Rogers und seine eigenen, teils traumatischen Schulerfahrungen wieder zwei Kreise.

Nicht weiter erstaunlich also, dass die erste deutsche und umfassendste Biographie über Rogers, für die er Zugang zum gesamten Archiv des Verstorbenen hatte, aus seiner Feder stammt. Groddecks eigene, schöpferische Leistung ist es, dass er den Ansatz von Rogers in die Pädagogik übertragen und für Erziehung und Bildung anwendbar machte.

Lange hatte er nicht geglaubt, dass Rogers Arbeit nicht nur erleb- und erfahrbar, sondern lehrbar sein könnte. Thomas Gordon belehrte ihn im kollegialen Miteinander eines Besseren. Hatte jener doch mit seiner „Familienkonferenz“ den personenzentrierten Ansatz systematisch erweitert und später sogar mit der „Managerkonferenz“ auf Führungskräfte angewendet.

Es waren immer auch entscheidende Menschen, die ihm Türen der Erkenntnis öffneten, die er längst für verschlossen hielt. So beispielsweise Eugene Gendlin, der ihm den Weg zur körperlichen Vertiefung ermöglichte sowie Bilder und Träume in seine Arbeit integrieren half. Was Groddeck wiederum später in seine Kunst- und Spieltherapie einfließen ließ.

Kein Wunder, dass es die personenzentrierte Gesprächsführung war, die Norbert Groddeck mit Christoph Röckelein und dessen Institut in Kontakt kommen ließ. Beide waren sie überzeugte Anhänger der Humanistischen Psychologie von Rogers und seinen Nachfolgern und beide waren willens, diese Ideen auf neuen Feldern einzusetzen. Vor allem Röckeleins Anwendung für Führungskräfte im Topmanagement faszinierte Groddeck so sehr, dass er schließlich einwilligte, einen Part im Kontaktstudium zu übernehmen.

Wichtig für ihn ist, dass es um die Persönlichkeitsbildung in die Zukunft hinein geht. Mit Röckelein verbindet ihn die Ansicht, dass die Tendenz des Lebens, sich selbst zu aktualisieren – die heute in Biologie, Systemtheorie, Ökologie bis zur Hirnforschung bestätigt ist, durch Coaching und Therapie befördert werden kann.

Auch hier schließt sich wieder einer jener Kreise. Denn Christoph Röckeleins Coaching versteht sich als Bildung der Persönlichkeit von innen nach außen. Und für Norbert Groddeck ist entscheidend, dass hier sein Verständnis, dass Bildung viel mehr als inhaltliche Wissensvermittlung sein muss, idealtypisch verwirklicht wird.

Text: Kirsten Baumbusch