Freiburger Institut für Persönlichkeits­didaktik

Porträt Prof. Dr. Karin Schleider

Karin Schleider ist eine Frau für den zweiten Blick. Selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, ist ihr eher suspekt. Sogar im Internet sind die Informationen spärlich gesät. Sie ist 1960 geboren, Diplom-Psychologin, Sonderpädagogin und Psychotherapeutin, hat einen Doktortitel und leitet als Professorin an der Freiburger Pädagogischen Hochschule die Abteilung „Beratung, Klinische und Gesundheitspsychologie“. Schon hier wird deutlich, dass diese Frau so viel auf die Beine gestellt hat, dass es für zwei bis drei akademische Lebensläufe reichen würde.

Ein wenig mehr verrät ihre Publikations- und Projekteliste: Sie hat über Gewaltprävention bei Kindern gearbeitet, über pädagogisch-psychologische Interventionen in der Entwicklungszusammenarbeit, über die Gedächtnisentwicklung, über Integration von psychisch kranken Jugendlichen, über Psychologie in der sozialen Arbeit und an einer Reihe zum Thema „Leben nach Herzenslust“ mitgewirkt.

Wen diese zierliche und dennoch kraftvolle, in der Sache durchaus streitbare Frau dann noch ein wenig hinter die Fassade blicken lässt, der erkennt ein menschliches Wesen, dem nicht akademische Würden oder Forschung das Wichtigste sind, sondern die Beziehung.

Natürlich wären da zu allererst ihr Mann und ihre Tochter zu nennen. Aber es geht weit darüber hinaus. Das Verstehen wollen von dem, was Menschen antreibt, wie alles zusammenhängt, ob historisch, politisch, kosmologisch, in der Natur oder zwischen den Individuen, dass muss Karin Schleider schon als ganz kleines Mädchen umgetrieben haben. In Bingen am Rhein ist sie in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, dort hat sie das Gymnasium der „Englischen Fräulein“ besucht, wie ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter davor. „Bildung war immer wichtig“, sagt sie, auch wenn die familiären Bedingungen nicht ganz einfach waren, wurde doch ihre große Liebe zu Literatur, Kunst und Musik hier geweckt.

Nach dem Abitur ins Ausland zu gehen, war eine Selbstverständlichkeit. Der israelische Kibbuz ist es nicht geworden, aber eine christlichen Bildungseinrichtung in England.

Zurück in Deutschland stieg der ökonomische Druck, endlich einen Beruf zu lernen. Dabei war ihre Bandbreite   groß: Medizin, Musik, Jura all das hätte es sein können. Am Ende wurde es die Psychologie, obwohl sich das Grundstudium in Würzburg als „grauenvoll“ entpuppte. Allein das Institut für Klinische Psychologie von Ludwig Pongratz motivierte sie, dabei zu bleiben. An diesem Institut wurden alle großen Ansätze der Beratung in Theorie und Praxis gelehrt. Hier konnte sie in dem Großprojekt „Humanistische Psychologie“ mitarbeiten. In diesem Projekt entstand die bis überaus wertvolle Filmdokumentation „Wege zum Menschen“, in der wie in einem „Brenn- und Reagenzglas zugleich“ die wichtigsten Strömungen der Psychologie im 20. Jahrhundert dokumentiert wurden (heute noch als Buch von Hilarion G. Petzold, Wege zum Menschen, erhältlich).

Da der Klinische Lehrstuhl leider verwaiste, brachte ein USA-Stipendium neue Perspektiven und Entwicklungsimpulse. Hier wurde der Kontakt mit dem Psychoanalytiker und revolutionären Psychotherapeuten Albert Ellis sowie mit der humanistischen, klientenzentrierten Beratung nach Carl Rogers wichtig für den weiteren Weg.

Zurück in Würzburg verbreiterte sie ihr Spektrum in die Psychosomatik, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Sonderpädagogik hinein. Mit 32 Jahren promoviert, folgte sie 34-jährig einem Ruf auf eine Professur in Pädagogischer Psychologie an die Katholische Hochschule in Köln. Ihren zukünftigen Mann, ein promovierter Literaturwissenschaftler und Lektor, hatte sie noch in Würzburg kennen gelernt. Der Drahtseilakt einer Pendelbeziehung begann und endete erst mit der Annahme der Professur in Freiburg, wo sie sich mit ihrem spezifischen Profil sehr gut aufgehoben fühlt.

Fast nebenbei hatte sie sich da noch mit in Krafttreten des Psychotherapeutengesetzes die Approbation als Psychotherapeutin und die Anerkennung als Supervisorin erarbeitet. Auch als Professorin wollte sie den Kontakt zu den Klienten, die Beziehung zu den Menschen, nicht verlieren.

Wie kam es eigentlich dazu, dass so eine viel beschäftigte Hochschulprofessorin, dann auch noch an einem Kontaktstudium „Coaching und Beratung“ als Dozentin teilnimmt, Buchbeiträge schreibt und auch sonst dem Institut Röckelein eng verbunden ist? Da war zum einen der klientenzentrierte Ansatz von Carl Rogers und dessen große Fruchtbarkeit für Beratung und Bildung, was ihr und Christoph Röckelein gleichermaßen wichtig ist. Dazu kam, dass ihr die Pedaktik von der Haltung her sehr entgegenkommt: „Dass alles ist theoretisch und auch empirisch solide fundiert, wird stringent in die Praxis umgesetzt und verkörpert so lebendige praxisnahe Wissenschaft“. Röckeleins Coaching Ansatz geht ihrer Ansicht sogar über Rogers hinaus, weil er die didaktische Begründung für Beratungs- und Bildungsprozesse liefert. Außerdem verknüpfen sich darin laut Schleider zwei psychologische Schulen, nämlich die der klientenzentrierten und systemischen miteinander: Das Selbst aktualisiert sich im Oszillieren zwischen dem Mikrokosmos des Individuums und dem Makrokosmos der Beziehungssysteme.

Text: Kirsten Baumbusch