Freiburger Institut für Persönlichkeits­didaktik

Portrait Prof. Dr. Karin Orth

Dieser Blick geht tief. Wen Karin Orth in Augenschein nimmt, der spürt, dass sie hinter die Fassade schaut und sich mit der Oberfläche nicht abspeisen lässt. Dabei liegt es ihr fern zu urteilen. Vielmehr hört sie zu, fragt nach, lässt wirken. Das gilt für beide ihrer Berufsfelder, für die Geschichtswissenschaften ebenso wie für das Coaching. Eine präsente Haltung ist ihr dabei essentieller Bestandteil des Tuns. Das eröffnet den Raum, in dem Erkenntnis möglich ist.

Ob als Historikerin oder als Coach, Karin Orth geht ganz nah ran, bis hinein ins Elementare, um zu verstehen. Um sich dann in einem nächsten Schritt wieder zu distanzieren und das ganze Geschehen in den Kontext einzubetten. Diese Fähigkeit zur Selbstregulation zwischen Mikro- und Makrokosmos ist es möglicherweise, was sie in beiden Feldern so wirksam agieren lässt.

Geboren wurde sie 1963 in Frankfurt am Main. Dass es die Mittlere und Neuere Geschichte als Hauptfach wurde, neben der Politologie und Soziologie ist einer jener Zufälle in ihrem Leben, die möglicherweise keine sind. Den breiten Horizont, der sie während des Studiums an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und an der Freien Universität Berlin, in alle möglichen angrenzenden Bereichen unterwegs sein ließ, hat sie sich stets bewahrt. Nicht nur in die Tiefe geht der Blick, sondern auch in die Weite. Stets im Fokus des Erkenntnisinteresses: Gesellschaft zu verstehen. Und das, so die Überzeugung von Karin Orth, muss von hinten her, also aus historischer Perspektive geschehen.

Ihre Magisterarbeit schrieb sie als sozialgeschichtliche Untersuchung über Dienstbotinnen im Berlin der Kaiserzeit und beabsichtigte eigentlich auch, im 19. Jahrhundert zu bleiben. Doch es kam anders. Ein Jahrespraktikum in der Gedenkstätte KZ-Neuengamme bei Hamburg brachte sie zur Forschung über den Nationalsozialismus. Sie, die im Studium diese Epoche bewusst gemieden hatte, weil sie glaubte, zu diesem „furchtbaren“ Thema die notwendige analytisch-wissenschaftliche Distanz nicht aufbauen zu können, war nun beteiligt an der Befragung von über einhundert Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager in zehn europäischen Ländern, den Vereinigten Staaten und Israel. Schnell begriff sie, dass der Intellekt allein in einem solchen Fall nicht weiter hilft.

Noch steckte diese Art Geschichtswissenschaft damals, Anfang der 1990er Jahre, quasi in den Kinderschuhen. Die Methodik war längst nicht so ausgereift wie heute. Aber historische Fakten abfragen, kam bei solchermaßen traumatisierten Gesprächspartnern nicht in Frage. So kam Karin Orth in Kontakt mit der Psychologie, der Supervision und der Technik des biografischen Interviews, das so tief blicken lässt in den Menschen, seine Vergangenheit und vor allem seine Gegenwart.

Anschließend traten die Täter in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses. Die Historikerin promovierte 1997 mit einer Untersuchung über die „Konzentrationslager-SS“, die 2000 veröffentlicht wurde. Ihr Fokus war gleichwohl zweigeteilt, einmal auf die Struktur der Lager, zum zweiten auf die Täter. Beides mündete in Büchern zum jeweiligen Thema.

Auch hier tauchte sie wieder ganz tief ein in die Lebensgeschichten, um dann mit Hilfe ihres scharfen, analytischen Verstandes neue Aspekte der historischen Betrachtung zu Tage zu fördern. Zwar konnte sie in diesen Fällen nicht die Kunst der Gesprächsführung einsetzen – die Täter waren nur über Papier aus den Archiven zugänglich – doch ihre Biografien sprachen dennoch Bände. „Das war keine Ansammlung von Psychopathen“, fand Karin Orth heraus, „sondern das waren Menschen, die in bestimmten Strukturen so agieren. Wenn sich diese Strukturen auflösen, sind sie so „normal“ wie zuvor“.

Seit 1997 nun fungiert sie als Wissenschaftliche Angestellte am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Zu ihren Schwerpunkten zählt neben Nationalsozialismus und Biografie-Forschung auch die Wissenschaftsgeschichte. 2014 hat sie die Studie „Forschungsförderung und NS-Verfolgungserfahrung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die jüdischen/nichtarischen Wissenschaftler (1920 – 1960)“ abgeschlossen. Mittlerweile habilitierte sich Karin Orth zudem und ist nun Privatdozentin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

Keine Frage, diese Augen blicken mit der gleichen ruhigen Art und Weise auch dahin, wo es weh tut. Ohnehin ist Karin Orth keine Frau, die sich in der Komfortzone sonderlich wohlfühlt. Ob Skilaufen im Winter oder das Mountainbikefahren im Sommer – der Sport ist ein Teil von ihr wie die Meditation.

Als sie Ende der 1990er Jahre vom hohen Norden in den tiefen Süden nach Freiburg zog, engagierte sie sich im „Arbeitskreis Leben“, der sich der Beratung von Menschen in Krisensituationen verschrieben hatte. Die dabei erworbenen Kenntnisse kamen ihr als Geschäftsführerin der „Internationalen Graduiertenakademie“ zupass. Und doch wollte Karin Orth mehr und tiefer verstehen, denn sie erkannte, dass viele der in der Wissenschaft tätigen Menschen mit Schwierigkeiten kämpfen, bei denen schlichte Beratungskonzepte nicht helfen. Immer wieder können Krisen im Forschungsprozess auftreten, die allein kaum zu überwinden sind und manche Doktorarbeit oder Habilitation gefährden.

So kam es, dass sie den ersten Kurs des gerade frisch ins Leben gerufenen Kontaktstudiums „Coaching und Beratung“ bei Christoph Röckelein besuchte. „Ob Wissenschaft oder Coaching, es kommt immer auf die Haltung an, auf die Art und Weise, wie ich dem Anderen gegenüber trete“, formuliert Karin Orth eine Erkenntnis, die ihr wichtig ist und die sie im Institut Röckelein verkörpert findet.

Das galt auch für die Teilnehmenden des Kurses. Fast alle befanden sich auf die eine oder andere Art in einer Umbruchsituation und erkannten im Kontaktstudium eine wunderbare Möglichkeit, in ihren eigenen Prozessen weiterzukommen, aber auch durch die eigene Erfahrungen zu lernen, andere bei ihrem Weg zu begleiten. Für Karin Orth stand am Ende dieses Jahres die Entscheidung fest, wieder in die Forschung zurückzukehren und sich als zweites Standbein dem Coaching zu widmen.

So gut verknüpft sie ihre beiden beruflichen Lebensstränge, dass daraus Aufsehen erregende Projekte wie „Kinder im Zweiten Weltkrieg – Spuren ins Heute“, eine Freiburger Veranstaltungsreihe, entstehen können. Auch hier kommt es auf die Haltung an, damit Menschen sich öffnen und oft in den Veranstaltungen zum allerersten Malen berichten, was sie erlebt haben. „Es geht darum, einen Raum zu eröffnen, in dem sich der Gegenüber gehört, gesehen und verstanden fühlt“, beschreibt sie ihr einfühlsames Tun. In diesem Moment der absoluten Präsenz, ereignet sich dann im besten Fall Persönlichkeitsbildung im Sinne der Pedaktik.

Text: Kirsten Baumbusch